Jin-Kyoung Huh

drüber drunter

installation view in Kunstverein Bellevue-Saal

Jin-Kyoung Huh

5 years skyblue Frankfurt
year: 2011 — 2015 (from left to right)
period: March 13 — 27, every year
time: 8 a.m. daily
place: Robert-Mayer Street, Frankfurt a.M.
medium: photography, digital editing and
... acrylic painting
size: 120 x 140 cm each piece

Theo de Feyter
‘study neonorange & gray’ acrylic paint varnish medium, fabric adhesive tape, multilayerd wood, each 32 x 25 cm, 2013

Theo de Feyter (NL) & Jin-Kyoung Huh (KR)

Warum nur stellen diese beiden Künstler zusammen aus? So in ihrem Grundsatz einander fremd wirken die Arbeiten von Jin-Kyoung Huh und Theo de Feyter. Hier die Autonomie behauptende, selbstreferentielle Malerei der Koreanerin und daneben die mimetischen Fenstersichten des Niederländers. Eine Art visueller Kontaktsperre tut sich auf. Frei vom potentiellen Störfeld der anderen Position ist jede für sich anzuschauen. Disputative oder dialogische Interferenzen wollen sich nicht einstellen. Die eine Position wirkt auf dem Hintergrund der jeweils anderen für sich allein, wie freigestellt.

Zunächst scheint ein Gemeinsames nur der Ausstellungstitel Fenster anzuzeigen. Bei de Feyter ganz offensichtlich, bei Huh mittelbar durch die Anmutung von Himmelsfarben. Doch — man sieht nur, was man weiß. Es wird also Zeit nachzulesen oder direkt nachzufragen bei den Künstlern, um mehr zu wissen und tiefer zu sehen. Beide Ausstellende äußern sich präzis und verlässlich zu ihrer Arbeit, wie das für Künstler nicht selbstverständlich ist. Sie können das, denn sie sind neben ihrer Profession als Künstler auch Wissenschaftler. Theo de Feyter Archäologe, Jin-Kyoung Huh Psychologin. Beider Aussagen konzentrieren sich auf die Beschreibung der Regeln ihrer Arbeit. Regeln wie eine Versuchsanordnung, begründet und nachprüfbar.

„Seit 1999 male ich jeden Tag um 17 Uhr den Blick aus dem Fenster meines Ateliers in Amsterdam. Es ist immer der gleiche Blick, aber trotzdem jeden Tag anders. Farben und Wetter verändern sich, die Jahreszeiten wechseln und auf der Fensterbank stehen im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Dinge. Meist ist der Blick klar. An kühlen Tagen kann sich Kondenswasser an den Fensterscheiben niederschlagen und in der dunklen Jahreszeit spiegeln diese den Innenraum. Es drängen Motive ins Bild, die ich ohne das Projekt nicht gesehen hätte. Es sind sozusagen ‚ungewählte Bilder‘.“ So beschrieb Theo de Feyter bei einer Gruppenausstellung in Belgien der mitausstellenden Jin-Kyoung Huh sein Projekt ‚Meine Aussicht um 17 Uhr‘. Es entsteht spontan der Wunsch nach einer gemeinsamen, pointierten Doppelausstellung, als sie erstaunt feststellen, wie frappierend sich beider Arbeiten in ihrer Konzeptualität ähneln. So photographiert Jin-Kyoung Huh seit 2010 „den Himmel an derselben Stelle in Frankfurt zur gleichen Jahreszeit, vom 13. bis 27. März. Die Photographie wird zeitnah in Photoshop nach selbstgewählten Parametern in einen abstrakten Farbverlauf transformiert. Dieser Vorgang wiederholt sich an 15 aufeinanderfolgenden Tagen und schließlich werden diese Daten chronologisch von links nach rechts auf eine Leinwand mit Acrylfarbe stofflich übersetzt. 2014 entstand das fünfte Gemälde.“ (Jin-Kyoung Huh)

Theo de Feyters Gouachen stellen auf den ersten Blick außer Frage, dass mit dem Ausstellungstitel Fenster dessen wortgenaue Bedeutung gemeint ist. In klarer, notierender Bildsprache benennen sich die Inhalte im Bilde selbst. Es sind Blicke aus stets demselben Innenraum ins Außen. Wollte hier jemand behaupten wollen: "ceci n’est pas une fenêtre«? Bei längerem Verweilen in der Ausstellung wirken möglicherweise die Bilder de Feyters in ihrer Selbsterklärung zugleich auch auf die Arbeiten Huhs ein, beginnen sie allmählich zu kommentieren. Als visueller Subtext grundieren sie gleichsam die Bilder Huhs, binden die optische Oberfläche an ihre Konzeption zurück. Mit dem Vorwissen, das hier ein Nachlesen ist, gespeist aus den Äußerungen der Künstler, ließe sich die Einflussnahme vice versa auch von Seiten der Bilder Huhs feststellen. Diese sichern den Arbeiten de Feyters bei aller Dominanz des Abbildlichen den ihnen zustehenden Anteil an Autonomie, belegen ihre Faktizität als komponiertes Zueinander von farbig gefassten Flächen, Linien und Texturen, geformt aus künstlerischen Entscheidungen. Auch der naturalistische Maler bedeckt seinen Malgrund mit stofflicher Farbe, er setzt die Farbe nur in Analogie zu der durch den Augensinn wahrgenommenen Wirklichkeit. Abbilden kann er sie nicht. Alle Malerei ist Handlung und Abstraktion, erfindet und konstruiert die Wirklichkeit stets aufs neu.

Wenn bei Theo de Feyter das Konzept nachvollziehbar offenliegt, bei Ausstellungen besonders augenfällig durch die Präsentation der 17-Uhr-Bilder in chronologisch sequentieller Hängung, von links nach rechts und von oben nach unten, so erschließt sich die regelhafte Konzipierung der Gemälde von Jin-Kyoung Huh nicht ohne weiteres im Anschauen. Ihr Bildplan bietet sich mehrfach verschlüsselt dar. Die Himmelshorizontale antiillusionistisch verschwenkt auf ein (anthropomorphes?) Hochformat und im Tagesrhythmus gegliedert in senkrechte, nach Hell-Dunkel und Farbtemperatur gegenläufig zusammengesetzte Streifenbahnen. Damit benachdrückt die Malerin die Autonomie der Bildfläche gegenüber dem Sujet. Im Verschlüsseln scheint sie einen dem Digitalisieren analogen Vorgang zu befolgen. Ähnlich wie das digitale Photo mit 1 und 0 gerechnet wird, geleitet vom Lichtabdruck (das heißt ja Photographie), so formt die Künstlerin dieses in neue Verhältnisse um. Verstofflicht es auf der Bildfläche, mit ihren eigenen Gesetzen.

So unterschiedlich in der Zusammenschau die hier ausgestellten Positionen uns entgegentreten, so zwingend wirken sie nun in ihrem konzeptionellen Zusammenspiel.

Text: Jan Kolata, Professur für Malerei, Technische Universität Dortmund

Vernissage: 14. 05. um 19 Uhr
Dauer: 15. 05. — 07. 06. 2015
Ort: Kunstverein Bellevue-Saal, Wiesbaden